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Aktuelles

Traum oder Wirklichkeit?

von Stefanie Theile

Ich möchte Ihnen einen Ort vorstellen, der sehr viel Potenzial für Lernende* zum Ausprobieren, Orientieren, Selbstverwirklichen und Entwickeln der eigenen pädagogischen Persönlichkeit bietet. 
Das klingt spannend, nicht wahr? Lassen Sie uns eine kleine Reise zu diesem Ort machen.
Stellen Sie sich bitte eine offene Ganztagsschule vor. Eine der größten Grundschulen in Berlin, die im nördlichen Berlin-Wedding liegt. Die Schülerschaft zeichnet sich durch eine große kulturelle Heterogenität aus. Täglich treffen über 800 Schulkinder sowie ein Team aus rund 70 Lehrkräften und 30 pädagogischen Fachkräften, wovon viele doppelt oder mehrfach qualifiziert sind, aufeinander. Die Schule besteht aus dem Schulgebäude, dem Gebäude des Sozialpädagogischen Bereiches, dem Schulgarten, zwei Schulhöfen sowie einem Pavillon, in welchem DESI, ein Angebot der „Erziehungshilfe in Schule“, untergebracht ist. 
Haben Sie ein Bild vor Augen? 
Ja. 
Dann lassen Sie uns einen kleinen Schlenker machen. Erinnern Sie sich bitte zurück an Ihre Schulzeit in der ersten Klasse. 
Haben Sie eine altershomogene erste Klasse besucht oder waren Sie Teil einer altersheterogenen Regelklasse? Gab es vielleicht sogar beide Klassenstrukturen an Ihrer Schule? Hatten Sie neben Ihrer Lehrkraft noch eine pädagogische Fachkraft als Bezugsperson? 
Nun begeben Sie sich gedanklich bitte wieder zurück zu der vorweg beschriebenen Grundschule. Das einzigartige an dieser Schule sind die Organisationsstrukturen der Klassen, in denen die Schulkinder eingeschult werden. Es gibt Schulanfangsphasen-Klassen (Klassenstufe eins und zwei werden gemeinsam unterrichtet), jahrgangsübergreifende Lernklassen (Klassenstufen eins, zwei und drei lernen gemeinsam), homogene Regelklassen, Schnellläuferklassen (homogene Klassen mit ca. 10% Schulkinder, die diagnostiziert hochbegabt sind) sowie Willkommensklassen (Kinder mit Migrationshintergrund und/oder Fluchterfahrung werden durch Deutsch als Zweitsprache behutsam in den Schulalltag integriert). Den einzelnen Klassen ist je eine feste pädagogische Fachkraft zugeordnet, die die Schulkinder am Vormittag punktuell während des Unterrichts begleitet, gemeinsam mit ihnen zu Mittag isst und nachmittags die Schülerarbeitszeit (Hausaufgabenbetreuung, Angebote des Sozialen Lernens etc.) gestaltet. Ebenfalls am Nachmittag wird von den pädagogischen Fachkräften ein offenes AG-Angebot angeboten, an dem die Schulkinder teilnehmen können. 
Nun führen Sie sich bitte zudem bis zu zwölf Lernende vor Ihr inneres Auge, die den praktischen Teil ihrer Ausbildung, Weiterbildung bzw. ihres Studiums an dieser Grundschule absolvieren. Wobei wir bei der zweiten Besonderheit wären – dem Modellvorhaben „Ausbildungsbetrieb Sozialpädagogischer Bereich“. Die Grundschule hat sich im Schuljahr 2018/2019 zum Ziel gesetzt, den Anteil der Lernenden bis zum Schuljahr 2021/2022 auf zwölf Personen zu steigern. Das sind 30% der Mitarbeitenden. Anlass dafür war eine große Resonanz auf Ausschreibungen für Auszubildende und Dual Studierende. 
Kommen Ihnen da nicht auch gleich viele Fragen in den Kopf?
So erging es mir zumindest, als ich das erste Mal von diesem Projekt hörte. In einem Gespräch mit den Fachanleitenden Mike Weiss und Marina Führer sowie den Dual Studierenden Niklas Hackbarth und Isabel Ahrbecker wurden viele meiner Fragen geklärt:

Frau Führer und Herr Weiss, wie ist die Fachanleitung organisiert und wie unterstützen Sie als Fachanleitende die Lernenden im praktischen Teil ihrer Ausbildung bzw. ihres Studiums?
M. Führer: Für jeden Lernenden gibt es eine Fachanleitung. Die Fachanleitung erfolgt auch kompetenzorientiert, um die Verbindung der theoretischen Lerninhalte der Hochschule bzw. Fachschule und die praktischen Lerninhalte hier bei uns an der Schule fachspezifisch zu gestalten. Wir sind ein multiprofessionelles Team. Wir, als Fachanleitende, haben verschiedene Expertisen, zum Beispiel habe ich Leitungserfahrung und stehe den Lernenden in planerischen und organisatorischen Aufgaben zur Seite. Herr Weiss ist u. a. ausgebildeter ETEP- und Erlebnis-/Theaterpädagoge und unterstützt die Lernenden in allen Fragen rund um Bildung und Erziehung von Kindern sowie fachspezifischen Fragen zu den Bereichen Kunst und Technik. Unser dritter Kollege, Herr Geiger, der sich derzeit in Elternzeit befindet, ist unser Experte für die Bereiche Ästhetik, Bewegung und Sport im Generellen. Durch diese breit gefächerte Expertise können wir den Lernenden eine fachlich fundierte Unterstützung bieten.
M. Weiss: Unsere Anleitung erfolgt hauptsächlich durch den Grundsatz „Lernen am Modell“. Wir unterstützen, begleiten, leiten an, performen, geben Halt, fordern und fördern, bieten Schutz und Zutrauen in den Menschen. Fehler sind erlaubt und wichtig. Sehr wichtig ist uns dabei, dass die Anleitung auf Augenhöhe geschieht.
M. Führer: Manchmal geben wir auch einen kleinen Schubs, um die Lernenden aus ihrer Komfortzone zu locken (alle lachen).
M. Weiss: Am besten stellen Sie sich ein Haus vor. In den ersten beiden Semestern wird das Fundament gebaut. In den folgenden Semestern wird Stockwerk für Stockwerk ausgebaut, bis schließ­lich im letzten Semester das Dach fertig gestellt wird. Ich erkläre das am besten am Beispiel des AG-Angebotes. Zuerst hospitieren die Lernenden in allen Arbeitsgemeinschaften mindestens einmal. Dann begleiten und unterstützen sie die anleitende Person einer AG, indem sie sich inhaltlich und durchführend einbringen. Sie gestalten eigene pädagogische Angebote bis sie schließlich eigenständig eine AG planen, durchführen und reflektieren – mit allem was dazu gehört: didaktisch-methodische Planung, Erstellung eines Kostenplans, Materialbestellung etc. Am Anfang begleiten wir sie in ihrer Arbeit noch sehr eng und hospitieren täglich. Dies wird mit steigender Handlungssicherheit und Erfahrung der Lernenden immer weniger. Im Umkehrschluss werden die Aufgaben, die 
die Lernenden übernehmen, komplexer und die Verantwortung nimmt zu. 
M. Führer: Natürlich führen wir auch regelmäßige Anleitungsgespräche und reflektieren gemeinsam mit den Lernenden, was gut gelaufen ist, wo es Schwierigkeiten gab und wie die nächsten Schritte aussehen könnten. 
M. Weiss: Dies alles hat zum Ziel, dass wir sie in der Weiterentwicklung ihrer persönlichen und fachlichen Kompetenzen unterstützen und auf das sozialpädagogische Berufsfeld vorbereiten.

Frau Ahrbecker und Herr Hackbarth, Sie studieren derzeit im 4. Semester Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Ganztagsschule an der Hochschule für angewandte Pädagogik (HSAP). Warum haben Sie sich für ein Duales Studium entschieden? Worin sehen Sie die Vorteile?
N. Hackbarth: Nach der Bundeswehr wollte ich wieder zurück nach Berlin. Eine Freundin, die auch dual an der HSAP studiert, hat mir das Studium empfohlen. Also habe ich mich beworben. Ich finde vor allem den Austausch mit meiner Fachanleitung über meine Praxisaufgaben hilfreich.
I. Ahrbecker: Ich habe bereits in Vollzeit studiert und festgestellt, dass das nichts für mich ist. Mir gefällt die Praxisnähe und dass ich Themen, die in der Hochschule behandelt werden, direkt in der Praxis ausprobieren und umsetzen kann. Durch die Berufspraxis nehme ich viel mehr mit als im Vollzeitstudium. 

Welche Projekte oder Arbeitsgemeinschaften haben Sie bereits durchgeführt?
I. Ahrbecker: Ich habe mich in den Ferien spontan mit zwei Kindern ans Klavier gesetzt und mit ihnen musiziert. Die Kinder haben sich gewünscht, dies häufiger zu machen. Ich habe daraufhin eine Musik-AG angeboten. Auch wenn ich selbst musikalisch begabt bin, ist die Vermittlung an die Kinder sehr herausfordernd für mich gewesen. Ich biete auch gemeinsam mit einer Kollegin eine Kreativ-AG an. Wichtig dabei ist mir, dass die Kinder ihre Kreativität ausleben können und nicht so viel reglementiert ist. Wir geben Impulse, aber keine festen Vorgaben. Die Musik-AG kann ich derzeit leider nicht fortführen, da ich eine erste Klasse übernommen habe und dies all meine Zeit in Anspruch nimmt. Hierbei habe ich aber auch viel gelernt. Zum Beispiel wie ich den Erstis den Tagesablauf und bestimmte Strukturen näherbringen kann. Ich habe mit ihnen gemeinsam anhand einer Geschichte, in der eine Maus eingeschult wurde, erarbeitet, wie der Schulalltag gestaltet ist. Jetzt sind sie alle gut angekommen. Ich war währenddessen viel im Austausch mit meiner Fachanleitung, habe meine eigenen Grenzen besser kennen und auch äußern gelernt. 
N. Hackbarth: Ich habe eine Graffiti-AG für elf Kinder aus meiner Bezugsgruppe angefangen. Frau Führer hat mich von Anfang an begleitet. Wir haben zusammen einen Projektplan und ein didaktisch-methodisches Konzept erstellt. Ich habe mit den Kindern über die Entstehungsgeschichte des Graffito gesprochen, im Sozialraum Graffiti betrachtet und diese fotografiert, Leinwände für eigene Graffiti bespannt und Spraytechniken besprochen. Bevor wir anfangen konnten eigene Graffiti zu gestalten, kam die Schulschließung aufgrund der Corona-Pandemie. Ich plane aber auf jeden Fall, damit weiter zu machen, sobald dies wieder möglich ist. 
M. Führer: Ausgangspunkt für die Graffiti-AG war die Resilienzförderung einiger Kinder.
N. Hackbarth: Das stimmt. Einige Kinder aus meiner Bezugsgruppe haben eine niedrige Aufmerksamkeitsspanne. Sie sind schnell frustriert, wenn Arbeitsaufträge nicht direkt funktionieren oder wollen Dinge gar nicht erst ausprobieren, da sie denken, sie könnten es nicht. Ich habe dann eine Situationsanalyse gemacht und geschaut, wie ich sie besser unterstützen kann. Dabei war ich immer in engem Austausch mit Frau Führer, Herrn Weiss und Herrn Geiger. Manchmal hat mich Frau Führer auch in der AG begleitet und im Nachhinein mit mir reflektiert, wo die Knackpunkte lagen oder mir Handlungsweisen aufgezeigt, die ich dann beim nächsten Mal ausprobiert habe. 
I. Ahrbecker: Wir sind auch gemeinsam mit anderen Lernenden verantwortlich für die Ferienplanung. Wir haben die Angebotsplanung übernommen, den Dienstplan erstellt, die Budgetplanung vorgenommen und ein Informationsschreiben für die Eltern verfasst. Eine Kollegin unterstützt uns dabei. 
M. Weiss: Demnächst werden die Lernenden bei der Ferienplanung von den Fachanleitenden unterstützt, da sich gezeigt hat, dass die Ferienplanung als Praxisaufgabe so besser ausgewertet werden kann.

Was sind Ihre nächsten Schritte, Frau Ahrbecker und Herr Hackbarth? 
I. Ahrbecker: Ich habe mich für eine Fortbildung „Yoga mit Kindern“ angemeldet und möchte daraus eine AG entwickeln.
N. Hackbarth: Ich möchte, nachdem die Graffiti-AG beendet ist, mit den Kindern gemeinsam das Schulgebäude verschönern. Ich habe gemerkt, dass die Kinder daran Interesse haben. Vielleicht hängen wir das ein oder andere Graffiti aus.

Wir verlassen nun diesen wundervollen Lernort Praxis. Haben Sie die beschriebene Grundschule erkannt? Es ist die Anna-Lindh-Schule. Ich würde sagen, das Team des Sozialpädagogischen Bereiches hat einen Traum Wirklichkeit werden lassen und eine hervorragende Umgebung für die praktische Aus- oder Weiterbildung von Lernenden geschaffen.

 

Mike Weiss, Isabel Ahrbecker, Niklas Hackbarth und Marina Führer
Foto: Steven Berner

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