Regionalleiterin Ulrike Kunert koordiniert die Fort- und Weiterbildungen bei der tjfbg. Im Gespräch erzählt sie, wie Weiterbildungen Wirksamkeit fördern, warum Praxisnähe so wichtig ist – und wo sie sich selbst als besonders wirksam erlebt hat.
Wie erleben Sie, dass pädagogische Fachkräfte auf Weiterbildungsangebote zugehen?
Man kann zwischen Fort- und Weiterbildung unterscheiden – eine Fortbildung erweitert bestehende Kompetenzen, mit einer Weiterbildung kann eine zusätzliche Qualifikation erlangt werden. In der Praxis wird das aber oft synonym genutzt. Viele Fachkräfte kommen über zwei Wege dazu: Entweder, weil sie merken, sie sind in bestimmten Situationen noch nicht so handlungssicher, etwa im Umgang mit Kindern mit emotional-sozialem Förderbedarf. Oft entstehen Überforderung und Unsicherheiten, die man als mangelnde Wirksamkeit spürt. Dann suchen sich viele gezielt eine Weiterbildung, um handlungssicherer zu werden, zum Beispiel zu Konzepten wie „Neue Autorität“ oder zum Thema Deeskalation. Andere kommen über ihr persönliches Interesse. Da gibt es Pädagog*innen, die sagen: „Ich fand Zirkuspädagogik schon immer spannend und ich möchte wissen, wie ich das in meiner Einrichtung umsetzen kann.“ Wenn Mitarbeitende ihre eigenen Interessen einbringen, fühlen sie sich meist besonders wirksam. Das schafft kleine Kraftinseln im Alltag – Momente, die Freude machen und helfen, auch anstrengende Situationen gut zu überstehen.
Und wie finden Fachkräfte die passende Fortbildung – gerade, wenn Unsicherheiten vielleicht erst im Alltag sichtbar werden?
Das wird häufig in Gesprächen mit Mitarbeiter*innen thematisiert. Wenn jemand sagt: „Ich komme mit meiner Gruppe gerade nicht gut klar“, oder „die Konflikte nehme ich mit nach Hause“, dann beraten Leitungskräfte und überlegen gemeinsam mit den Mitarbeitenden, welche Fortbildung sinnvoll wäre. Wir haben mittlerweile auch einen Evaluationsbogen eingeführt, um die Qualität der Fortbildungen zu erfassen. Über ein Google-Formular geben die Teilnehmenden Rückmeldung, was hilfreich war. Langfristig entsteht daraus eine Art Datenbank, die uns zeigt, welche Anbieter sich bewährt haben. Außerdem wollen wir Fortbildungen stärker bündeln. Es gibt Überlegungen, ein internes Fort- und Weiterbildungsinstitut zu gründen. So könnten wir Bedarfe zentral erfassen, Synergien nutzen und interne Angebote planen – etwa zu Themen wie Theaterpädagogik oder PART, einem Konzept zur Deeskalation und Prävention von Konflikten.
Wie würden die pädagogischen Fachkräfte von einem internen Fortbildungsinstitut profitieren?
Die Idee ist, Fortbildungen zu zentralisieren. Wenn wir merken, dass ein Thema viele interessiert, holen wir Referent*innen ins Haus. Das ist nicht nur kosteneffizient, sondern fördert auch die Vernetzung untereinander. Mitarbeitende mit ähnlichen Interessen lernen sich kennen, tauschen Materialien aus und vernetzen sich über Schulen hinweg. Über eine interne Struktur haben außerdem Mitarbeiter*innen, die – etwa durch eine Weiterbildung – besondere Kompetenzen erworben haben, die Chance, ihr Wissen weiterzugeben. So können sie eigene Workshops oder Seminare gestalten. Wer zum Beispiel Zirkuspädagogik gelernt hat, kann anderen Kolleg*innen zeigen, welche kleinen Übungen sich in der Grundschule umsetzen lassen. Das stärkt nicht nur den gesamten Träger, sondern auch die individuelle Wirksamkeit: Man wird über das eigene Arbeitsfeld hinaus wirksam.
Sie haben auch das Praxishandbuch für Studierende mitentwickelt. Was war die Idee dahinter?
Das Praxishandbuch wurde entwickelt, um den Theorie-Praxis-Transfer zu stärken – also das, was Studierende an der Hochschule lernen, mit dem zu verbinden, was sie in der Einrichtung erleben. Es orientiert sich am Modulkatalog des Studiums und enthält Praxisaufgaben, die jeweils zu den Modulen passen. Die Studierenden wählen pro Semester drei Aufgaben aus – eine Pflichtaufgabe und zwei weitere, die sie mit ihren Fachanleitenden abstimmen. So wird jedes Semester strukturiert und reflektiert. Am Ende steht ein Studienbuch mit einer Kompetenzbeurteilung, das Fach-, Methoden- und Sozialkompetenzen bewertet und Entwicklungsbedarfe sichtbar macht. Das Praxishandbuch gibt es inzwischen in zweiter Auflage – und wir passen es laufend an, weil sich Studiengänge und Prüfungsordnungen verändern. Auch für die Auszubildenden haben wir inzwischen ein eigenes Praxishandbuch entwickelt, damit die Qualität und Vergleichbarkeit der Ausbildung gesichert bleibt.
Wie wird das Handbuch in der Praxis angenommen?
Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Viele empfinden es als gute Strukturierungshilfe. Wir beziehen die Rückmeldungen von Studierenden und Fachanleitungen ein und passen Aufgaben an, wenn sie sich in der Praxis nicht gut umsetzen lassen. Besonders schön ist, wenn Hochschule und Praxis wirklich ineinandergreifen – wenn Dozierende sagen: „Für meine Veranstaltung wäre es sinnvoll, wenn ihr diese Praxisaufgabe macht.“ Dann findet der Theorie-Praxis-Transfer ganz konkret statt.
Sie haben früher in einer Tagesgruppe gearbeitet. Wo konnten Sie dort Wirksamkeit besonders deutlich erleben?
Die Zeit in der Tagesgruppe war für mich sehr prägend. Dort wird mit Grundschulkindern gearbeitet, die temporär nicht regelbeschulbar sind – Kinder mit geringer Frustrationstoleranz, oft aus schwierigen familiären Situationen. Da war Beziehungsarbeit das A und O. Wenn man über längere Zeit stabile Beziehungen aufbauen konnte und sah, wie Kinder sich Schritt für Schritt weiterentwickelten, war das unglaublich erfüllend. Besonders bewegend ist es, wenn man Jahre später jungen Erwachsenen begegnet, die sagen: „Ich war bei Ihnen in der Tagesgruppe – damals war ich schwierig, aber das hat mir was gebracht.“ Das sind Momente, in denen man spürt: Das Konzept wirkt, und es braucht mehr solcher geschützten Lernräume.
Wenn Sie auf Ihre beruflichen Stationen schauen – was bedeutet Wirksamkeit für Sie persönlich?
Wirksamkeit zeigt sich auf vielen Ebenen. In der direkten Arbeit mit Kindern – wenn man kleine Entwicklungsschritte sieht. Aber auch strukturell, wenn Instrumente entstehen, die anderen helfen, gute Arbeit zu machen. Ich habe mich immer dann als besonders wirksam erlebt, wenn wir gemeinsam mit Fachanleiter*innen oder Kolleg*innen etwas entwickelt haben, das wirklich gebraucht wird – sei es das Praxishandbuch oder neue Weiterbildungsangebote. Und ich glaube, wichtig ist, zu erkennen, wenn man in einer Situation nicht so wirksam ist, wie man es gern wäre – und das offen mit der Leitung zu besprechen. So lässt sich gemeinsam überlegen, was hilft, das eigene Methodenköfferchen zu erweitern und wieder sicher zu handeln.
Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe Begeistern und Bilden „Wirksamkeit“.
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